Meine Kindheit in Hebrondamnitz

Im Jahre 1941 wurde ich in Hebrondamnitz in dem unten links abgebildeten Haus, das meinen Großeltern Martha und  Willi Marz gehörte, als erstes Kind von Meta und Albert Köplin geboren. Das Haus meines Opas mussten wir nach Kriegsende verlassen und zogen in das ehemalige Gemeindehaus. 1947 mussten wir, wie viele andere, unsere Heimat verlassen. Bedingt durch mein Alter zum Zeitpunkt unserer Vertreibung weiß ich vom Leben in Hebrondamnitz leider nicht mehr allzu viel.
Eine sehr schöne Schilderung des Lebens in Hebrondamnitz hat Herr Klaus Kosbab, den wir kennen und sehr schätzen, im ersten Teil seiner Erinnerungen niedergeschrieben. Daraus möchte ich einige Absätze zitieren.

Hier seine Ausführungen:

" Ich war immer ein bißchen stolz auf unser Dorf. Hier wurde ich geboren, hier habe ich seit meiner Geburt 1934 bis zur Vertreibung im September 1946 gelebt. Es war ein schönes Dorf: Hebrondamnitz im Kreis Stolp in Hinterpommern gelegen. Und es war auch ein größeres Dorf. Im Vergleich mit einigen Nachbardörfern meine ich das sagen zu können. In der Schule habe ich gelernt: Das Dorf mit Siedlung, Schäferei und Ausbau habe etwa 900 Einwohner. Doch unser Dorf war schon etwas anders als andere.

Es hatte einen Bahnhof an der Strecke Stettin-Danzig gelegen. D-Züge hielten hier nicht, aber auf dem Bahnhof war oftmals etwas los. Herr Lietzke, unser Hauswirt, war Viehhändler: >Fett- und Zuchtviehhandlung Alfred Lietzke & Co. < stand auf einer Tafel, die am Stallgebäude angebracht war. Er und andere Händler haben auf dem Bahnhof Kühe und Schweine aus - und eingeladen. Das war nicht selten aufregend. Auf der einen Seite der Bahnhofsstraße standen kleine Holzhäuser mit den Viehwaagen. Hier wurden die Tiere gewogen. Anschließend wurden sie entweder in Güterwagen oder in die Transportfahrzeuge der Händler verladen. Kam ich dann später nach Hause, kam Oma mit Waschlappen und Seife.

Gleich in der Nähe des Bahnhofs war die Molkerei. Die Milchfahrer, die die Milchkannen von den Höfen abholten, nahmen uns manchmal auf ihren Wagen mit in die Molkerei. Ich sage uns, denn Herbert, mein Bruder, war öfter auch mit mir unterwegs. In der Molkerei staunte ich, weil die Milch an einer großen Wand herunter lief, ich glaube, dieses geschah zur Kühlung der Milch.

Neben der Molkerei stand ein Sägewerk in dem einige Männer des Dorfes arbeiteten. Sie haben uns gezeigt, wie die Baumstämme ans Gatter gebracht wurden, um zu Brettern geschnitten zu werden. Nach dem Schnitt wurden die Bretter auf dem Lagerplatz gestapelt. Das Spielen zwischen den großen Bretterstapeln hat Spaß gemacht. Wir durften uns nur nicht erwischen lassen. Gleich gegenüber befand sich eine Försterei und in ihrer Nachbarschaft ein Gasthaus: >Zum schwarzen Walfisch< genannt. In diesem Haus gab es einen Lebensmittelladen und einen großen Saal. In diesem Saal wurden manchmal auch Kinofilme gezeigt. Leider durften wir Kinder meistens nur die Wochenschau sehen. Dank meiner Tanten habe ich doch einige Filme sehen können, sie haben mich einfach unter ihren Stühlen versteckt. In einer Wochenschau habe ich unseren Vater als Soldat in Rußland beim Ausbau von Stellungen gesehen. Papa hatte uns in einem Brief von diesen Aufnahmen berichtet.

Eine Bäckerei hatten wir im Dorf, einen Fleischer ebenso. Außerdem eine Post, eine Polizeistation mit zwei Feldgendarmen. Noch einen Lebensmittelladen. Zwei oder drei Schuster und ein großes Schloß, dieses hatte 99 Zimmer. Zu dem Schloß gehörte ein Gutshof. Das Schloß war geheimnisvoll, erst recht, weil wir dort keinen Zutritt hatten. Kein Eintritt! Zum Schloß gehörten einige große und kleine Gebäude und eine Gärtnerei. Neben dem Schloß gab es einen großen Park und in diesem einen Teich. Wir wohnten direkt neben dem Park, um in diesem spielen zu können, brauchten wir nur über den hohen, eisernen Zaun zu klettern.

Natürlich hatten wir eine Schule im Dorf. Sie war mit zwei großen Klassenräumen ausgestattet. Darüber werde ich später noch berichten. Eine Schmiede war auch im Ort. Dem Schmied bei seiner Arbeit zu sehen, war immer interessant. Sei es, wenn Pferde beschlagen wurden - das hat immer sehr gestunken - oder wenn ein glühendes Stück Eisen durch Schmieden zu einem Gegenstand geformt wurde. Einmal hatte ich in der Schmiede ein sehr unangenehmes Erlebnis. Ein Geselle, der Sohn des Schmiedes, hatte von einem glühenden Hufeisen, das er gerade bearbeitet hatte, ein Stückchen abgetrennt, er forderte mich auf, dieses Stück glühenden Eisens aufzuheben. Ich tat es! Die Brandwunde in der Hand wurde mit Öl behandelt. An spätere Folgen kann ich mich nicht erinnern. Diese Gemeinheit des Gesellen hat mich nicht gehindert, die Schmiede weiterhin zu besuchen. Wenn Herr Gehl, der Stellmacher, Wagenräder angefertigt hatte, kamen diese zum Schmied. Dieser zog dann Eisenreifen auf die Holzräder. In einem Feuer im Freien wurden die Reifen glühend gemacht und dann als eiserne Lauffläche auf die Räder gezogen. Zur Abkühlung wurden die Räder dann in den nahen Bach gerollt. Wie das zischte und brodelte. Stellmacher hatten wir zwei im Dorf: Karl Guhl und Helmut Sill. Bei Herrn Guhl in der Werkstatt trafen sich im Winter oft einige Männer, die sich über viele Dinge unterhalten haben. Hier habe ich zum ersten Mal gehört und gelernt, wie und warum man Obstbäume veredelt.

Stellmacher Sill war Soldat. Mit seinem Sohn Walter und anderen Freunden spielten wir einmal im Holzlager Verstecken. Ich stand in einer Nische zwischen ein paar Brettern und einem Kaninchenstall. Als der Suchende in meine Nähe kam, trat ich einen Schritt zurück, barfuß! Unglücklicherweise stand hinter mir eine Sense, aber mit dem Blatt nach unten, ich trat in dieses Sensenblatt! Narben an drei Zehen zeugen noch heute von diesem Schritt. Auf dem Weg nach Hause, konnte man meine Spur verfolgen. Ich bekam einen Verband über die Wunden gelegt und darüber einen Socken. Die Heilung konnte beginnen. Einen Arzt hatten wir nicht im Dorf, wohl aber einen Zahnarzt. Eines Tages war es so weit, ich hatte Zahnschmerzen. Papa war gerade zu Hause. In der Nacht haben wir beide in der Küche gesessen, ich konnte vor Schmerzen nicht schlafen. Omas Hoffmannstropfen hatten nicht geholfen. Am Morgen ging es dann zum Zahnarzt. Ein Fluchtversuch von mir mißlang. Kurz darauf saß ich auf dem Stuhl. Mund auf. Der Milchzahn kam fast von alleine heraus. Herr Winkelmann, der Zahnarzt, gab mir meinen Zahn mit nach Hause. Auf der Treppe vor der Haustür habe ich ihn dann mit dem Hammer untersucht. Alle Angst war umsonst gewesen.

Uns gegenüber wohnte der Bürgermeister des Dorfes. Herr Müschke war eine imposante Gestalt. Ein großer Schnurrbart zierte sein Gesicht. Einen Krückstock benutzte er majestätisch. Er war ein Mann, den ich sehr respektierte. Herr Müschke hatte gar nichts dagegen, wenn wir ihn in seinem Büro besuchten oder die Birnen von seinem sehr großen Birnbaum aßen."

Das Buch ist derart interessant geschrieben, dass man es nicht wieder weglegen kann, bevor man es ganz gelesen hat. Klaus Kosbab wohnt in Ratzeburg. 
Der komplette erste Teil der Erinnerungen von Klaus Kosbab, in dem er seinen Weg von Hinterpommern bis nach Westfalen beschreibt, war einmal auf der Startseite von www.Stolp.de zu finden. Dort scheint man daran nicht mehr interessiert zu sein. Auch ein Link zu unserer Seite wird nicht mehr angeboten.
In Absprache mit Herrn Klaus Kosbab bieten wir Ihnen hier seine Erinnerungen als PDF-Datei zum Download an.
Desweiteren hat Herr Kosbab gestattet,
das ist neu, die Berichte von seinen Reisen nach Polen, hier zu veröffentlichen.

Klaus Kosbab - Erinnerungen Teil I - Von Hinterpommern nach Westfalen - PDF-Datei
Klaus Kosbab - Erinnerungen Teil II - . . . so ging es weiter - PDF-Datei
Klaus Kosbab - Reisen nach Polen, Band 1 - PDF-Datei
Klaus Kosbab - Reisen nach Polen, Band 2 - PDF-Datei
Klaus Kosbab - Reisen nach Polen, Band 3 - PDF-Datei

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Die Mailadresse von Klaus Kosbab:



Mein Geburtshaus

Das ehemalige Gemeindehaus
 

Links:
Die Kleine mit dem hellen Kleidchen bin ich, hinter mir meine Mutter und am Fenster meine Oma Martha Marz.

Rechts:
1946 in Hebrondamnitz.